Übersprechen (Crosstalk) ist ein unvermeidbares Phänomen in hochgeschwindigkeitsfähigen digitalen Schaltungen und bei Leiterplatten mit hoher Verdrahtungsdichte. In der Praxis wird es häufig in Form von Designregeln beschrieben, etwa durch größeren Leiterbahnabstand, orthogonales Routing oder das Heranführen der Masse (GND), ohne dabei zu erklären, warum diese Maßnahmen wirksam sind.
Infolgedessen wird Übersprechen oft als „Rauschen, das man mit Erfahrung handhabt“ betrachtet.
Bevor auf konkrete Gegenmaßnahmen eingegangen wird, ordnet dieser Artikel die Ursachen von Übersprechen auf Schaltungsebene. Der entscheidende Punkt ist, dass Übersprechen kein spezielles Phänomen ist, sondern eine unvermeidbare Folge parasitärer Elemente, die im Schaltplan nicht dargestellt sind.
Definition von Übersprechen
Übersprechen ist das Phänomen, bei dem zeitliche Änderungen einer Signalleitung in einer benachbarten Leitung eine unerwünschte Spannung oder einen unerwünschten Strom induzieren.
Wichtig ist dabei, dass die Leitungen nicht gleichstrommäßig verbunden sind und dass Daten nicht physikalisch von einer Leitung „übersickern“. Übersprechen entsteht durch elektromagnetische Kopplung. Solange Leiterbahnen existieren, kann Übersprechen daher niemals vollständig vermieden werden.
Oberflächliche Erklärungen und der eigentliche Mechanismus
Übersprechen wird häufig wie folgt erklärt:
- „Es tritt auf, weil die Leiterbahnen zu nahe beieinander liegen.“
- „Bei schnellen Signalen ist das unvermeidlich.“
- „Es ist ein EMV-Problem.“
Diese Aussagen sind als Beschreibung des Phänomens nicht falsch, erklären jedoch nicht die für Designentscheidungen notwendigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Kann man nicht erklären, warum geringerer Abstand das Übersprechen verstärkt, warum die Anstiegszeit entscheidend ist oder warum Terminierung und GND-Struktur das Ergebnis verändern, werden Designregeln zu bloßen Checklisten.
Das Wesen des Übersprechens: Kopplung durch parasitäre Elemente
Die Ursache des Übersprechens ist eindeutig. Zwischen Signalleitungen bilden sich unbeabsichtigt parasitäre Elemente. Auf einer realen Leiterplatte entsteht eine Kopplungskapazität (Cm) zwischen benachbarten Leiterbahnen, und zwischen den Stromschleifen aus Signalleitung und Rückstrompfad bildet sich eine Kopplungsinduktivität (Lm).
Im Schaltplan wird jede Signalleitung als unabhängiges Netz dargestellt. In der realen Hardware teilen sich Leiterbahnen jedoch den physikalischen Raum und arbeiten unter Erzeugung elektrischer und magnetischer Felder. Spannungsänderungen beeinflussen daher benachbarte Leitungen über das elektrische Feld, und Stromänderungen beeinflussen andere Schleifen über das magnetische Feld.
Übersprechen ist somit das Phänomen, bei dem Signalenergie über diese parasitären Elemente gekoppelt wird, die im Schaltplan nicht vorhanden sind. Die folgende Abbildung zeigt schematisch eine Kopplung, die „im Schaltplan nicht existiert, in der realen Hardware jedoch unvermeidlich ist“.

Elektrische und magnetische Kopplung
Die Kopplung durch parasitäre Elemente lässt sich in zwei Mechanismen mit unterschiedlichen Eigenschaften unterteilen.
Elektrische Kopplung (kapazitive Kopplung)
Elektrische Kopplung entsteht über die Kopplungskapazität Cm, die sich zwischen benachbarten Leiterbahnen bildet. Ändert sich die Spannung einer Signalleitung zeitlich, breitet sich ein elektrisches Feld in ihrer Umgebung aus und beeinflusst benachbarte Leiterbahnen.
Der entscheidende Punkt ist, dass die Stärke des Effekts nicht vom absoluten Spannungswert abhängt, sondern von der Änderungsgeschwindigkeit der Spannung (dV/dt). Je steiler die Anstiegs- oder Abfallflanken, desto größer ist die über die Kopplungskapazität induzierte Spannung in der benachbarten Leitung.
Die folgende Abbildung zeigt, wie sich das elektrische Feld als Reaktion auf den Spannungsübergang der Aggressor-Leitung ausbreitet und teilweise auf die Victim-Leitung überkoppelt. Das auf der Victim-Leitung beobachtete Rauschen tritt typischerweise zeitgleich mit der Flanke des Aggressor-Signals auf.

Magnetische Kopplung (induktive Kopplung)
Magnetische Kopplung entsteht, wenn Stromschleifen, die aus Signalleitung und Rückstrompfad (GND) bestehen, über den magnetischen Fluss miteinander gekoppelt werden. Ändert sich der Strom zeitlich, entsteht ein magnetisches Feld um die Schleife, das benachbarte Schleifen beeinflussen kann.
Der dominierende Faktor der magnetischen Kopplung ist die Schleifenfläche. Je größer der Abstand zwischen Signalleitung und Rückstrompfad, desto größer wird die Schleifenfläche und desto größer wird die Kopplungsinduktivität Lm.
Die folgende Abbildung zeigt, wie unterschiedliche GND-Routing-Strategien die Form der Schleife und die Stärke der magnetischen Kopplung verändern. Designregeln wie das Heranführen der Masse an die Signalleitung und das Sicherstellen eines kontinuierlichen Rückstrompfades reduzieren die magnetische Kopplung, indem sie die Schleifenfläche minimieren.

Warum die Anstiegszeit der dominierende Faktor ist
Übersprechen hängt kaum vom absoluten Signalpegel ab. Dominant ist vielmehr die zeitliche Ableitung.
- Elektrische Kopplung: zeitliche Spannungsänderung (dV/dt)
- Magnetische Kopplung: zeitliche Stromänderung (dI/dt)
Daher kann Übersprechen selbst bei niedrigen Taktfrequenzen deutlich auftreten, wenn die Signalflanken steil sind. Dies ist der Grund, warum die Erklärung „Schnelle Signale verursachen Probleme, weil sie hochfrequent sind“ nicht ausreichend ist.
Was sich mit uSimmics visualisieren lässt
uSimmics (ehemals QucsStudio) ist kein Werkzeug, um die absolute Höhe des Übersprechens auf einer realen Leiterplatte präzise vorherzusagen. Es ermöglicht jedoch, im Zeitbereich getrennt zu beobachten, welche Wellenformen ausschließlich durch die Kopplungskapazität, ausschließlich durch die Kopplungsinduktivität oder durch die Kombination beider Effekte entstehen.
Dies ist äußerst hilfreich, um zu verstehen, was Übersprechen verursacht und welches Element dominiert. Wichtig ist nicht die numerische Genauigkeit, sondern die Fähigkeit klar zu erkennen, welches parasitäre Element zu welchem Zeitpunkt wirksam ist.
Zusammenfassung
In diesem Artikel wurde Übersprechen nicht als Ergebnis von Designregeln betrachtet, sondern als Ursache-Wirkungs-Zusammenhang auf Schaltungsebene.
Übersprechen ist kein spezielles Rauschphänomen, sondern eine unvermeidbare elektromagnetische Kopplung, sobald Leiterbahnen vorhanden sind.
Auf einer realen Leiterplatte existiert eine Kopplungskapazität (Cm) zwischen benachbarten Leiterbahnen sowie eine Kopplungsinduktivität (Lm) zwischen den Stromschleifen aus Signalleitung und Rückstrompfad. Auch wenn diese parasitären Elemente im Schaltplan nicht erscheinen, sind sie stets vorhanden.
Elektrische Kopplung hängt hauptsächlich von der Spannungsänderung (dV/dt) ab, während magnetische Kopplung von der Stromänderung (dI/dt) und der Schleifenfläche bestimmt wird. Daher wird die Stärke des Übersprechens stärker durch Anstiegszeit und Rückstrompfadstruktur als durch die reine Signalfrequenz bestimmt.
Maßnahmen wie größerer Leiterbahnabstand, das Heranführen der Masse oder der Einsatz von Abschlusswiderständen sind keine bloßen Erfahrungsregeln, sondern physikalische Methoden zur Reduzierung der Kopplung über parasitäre Elemente.
Damit haben Sie den gesamten Zusammenhang von „Ursache → Wellenform → Gegenmaßnahme“ im Bereich Störunterdrückung durchlaufen. Wenn Sie das Gesamtbild noch einmal überprüfen möchten, empfiehlt es sich, beim ersten Artikel zu beginnen.
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